Bikerin in Hemd und T-Shirt
Deutscher
Exklusivbericht!
Brittany
Morrow fiel vor etwa einem Jahr bei
hohem Tempo vom Motorrad ihres Freundes,
nur mit Sweatshirt und Jeans bekleidet.
Ihre schweren Narben, die von den
knochentiefen Abschürfungen stammen,
werden sie ihr Leben lang daran
erinnern.
EIN
JAHR DANACH
Beim Blick in
den Spiegel kann ich es kaum glauben,
dass meine Narben nun schon mehr als ein
Jahr alt sein sollen. Wenn ich meinen
Bauch und meinen Brustkorb berühre, kann
ich es kaum glauben, dass dort wieder
Fleisch und Haut zu spüren ist, kann es
kaum glauben, dass ich die sichtbaren
Spuren meines Unfalls mein Leben lang
behalten werde. Noch immer glaube ich
manchmal, dass das alles nur ein böser
Traum ist – dass ich eines Tages erwache
und mich in meiner Haut wieder wohl
fühlen kann. Leider ist das alles echt,
der Folgen meines größten Fehlers werden
mich den Rest meiner Tage begleiten.
Trotzdem bin ich froh, überhaupt noch am
Leben zu sein, auch wenn ich nach wie
vor Schmerzen habe. Ein Lächeln huscht
über mein Gesicht, wenn ich mit den
Fingern über dickes Narbengewebe
streiche, wo einmal meine eigene, weiche
Haut gewesen war – denn hätte ich nicht
überlebt, gäbe es überhaupt nichts mehr,
das ich streicheln könnte. Mein Leben
hat einen Sinn und ich genieße jeden
Tag, den ich leben darf.
DER
UNFALL
Es war ein
wunderschöner Sonntagmorgen, selbst in
meiner verschwommenen Erinnerung an die
Ereignisse vor einem Jahr. Nach längerer
Zeit der Motorrad-Abstinenz freute ich
mich auf einen Ausflug als Sozia auf der
GSXR 750 meines Freundes Shaun. Ich
hatte meine Lesebrille gegen lässige
Sonnenbrillen getauscht, trug anstatt
meines Cowboyhutes einen zu großen
Motorradhelm und sonst auch nicht rasend
tolle Schutzkleidung: Capri-Jeans,
Turnschuhe und ein eilig über meinen
Bikini gestreiftes Sweatshirt. Ich hatte
zu diesem Zeitpunkt einfach nicht daran
gedacht, dass ich keinerlei Schutz gegen
Verletzungen bei einem Sturz hätte - es
würde doch sowieso nix passieren. Die
Realität hat mich an diesem Sonntag
verblüffend schnell eingeholt.
Als wir auf
Highway 550 etwa 7 Kilometer unterwegs
waren, bemerkte ich, dass es immer
schwieriger wurde, gegen den Fahrtwind
anzukämpfen, um dicht hinter Shaun am
Motorrad zu bleiben, ohne sich allzu
sehr an Shaun selber anzuhängen. Ich
legte meine Hände daher um ihn herum auf
den Benzintank und rückte so nah wie
möglich an ihn heran. Als wir durch die
nächste Rechtskurve bergab unterwegs
wurden, beschleunigte Shaun weiter. Ich
begann mich zwar zu fürchten, glaubte
aber, dass ich den steigenden Winddruck
schon aushalten würde. Plötzlich ein
heftiger Windstoß – und ich begann, auf
der Sitzbank nach hinten zu rutschen.
Ich spürte, wie die kühle Luft den
leeren Raum zwischen meiner Brust und
Shauns Rücken füllte.
Auf einmal
traf der Fahrtwind meinen Kopf wie ein
Ziegelstein und unsere Körper entfernten
sich schlagartig voneinander; mein
Helmvisier hatte sich plötzlich komplett
geöffnet. Die Kraft zerrte derart an
meinem Kopf und meinem Helm, dass mein
Blick in den Himmel wanderte und mein
kompletter Körper nach hinten von der
Sitzbank gerissen wurde. Ich erinnere
mich an den sinnlosen Gedanken, dass,
wenn ich mich an Shauns T-Shirt
festhalten würde, er auch rücklings von
der Maschine fallen würde. Aber um es
überhaupt noch zu probieren, sich an
Shaun festzuhalten, war es bereits zu
spät. Ich war zwar nur für den Bruchteil
einer Sekunde in der Luft, aber es
durchliefen mich hunderte Gedanken auf
einmal. Ich dachte nicht daran, mit
welch enormer Geschwindigkeit ich am
Asphalt aufschlagen würde oder welche
bleibenden Schäden ich wohl davontragen
würde. Ich dachte nur daran, wie es dazu
gekommen war, dass ich an diesem
Wendepunkt meines Lebens angelangt war.
Ich versuchte mich an die Grundregeln,
wie man einen Sturz vom Pferd ohne
Schäden übersteht, zu erinnern. Ich
hatte im Jahr davor einige Gelegenheiten
gehabt, das auszuprobieren und versuchte
daher, möglichst locker zu bleiben. Das
war das einzige, was ich in diesem
Moment tun konnte – nichts.
Als ich auf
dem Boden aufschlug, blieb mir die Luft
weg. Ich spürte jeden Quadratzentimeter
meines Körpers der Kontakt mit dem
Asphalt bekam, ich hörte mein Wimmern
und meine Gebete unterm Helm, als ich
mich nach Luft ringend auf dem
unbarmherzigen Untergrund dutzende Male
überschlug und dahinrutschte. Binnen
weniger Sekunden war mir in diesem
Moment klar, dass ich wohl sterben würde
– das war weit schlimmer, als alles, was
mir bisher widerfahren war. Meine Augen
waren geschlossen, nachdem ich mehr als
160 Meter am rauen Asphalt
dahingeschlittert war und endlich zum
Stillstand kam. Ich verlor während der
ganzen Aktion nicht das Bewusstsein –
ich erinnere mich jedoch, dass ich mir
gewünscht hatte, es wäre so.
Im ersten
Moment spürte ich gar nichts. Es dauerte
einige Zeit, bis jemand an meiner Seite
war und so hatte ich genug Zeit, um
erstmal zu probieren, mich selbst zu
bewegen. Was ich sofort bemerkte, war,
dass ich wohl meinen linken Schuh
verloren hatte und der heisse Asphalt
auf meinen Zehen wie Feuer brannte. Mein
rechter Fuß fühlte sich steif an, ich
konnte ihn keinen Zentimeter bewegen –
ich dachte, er würde gebrochen sein.
Meine Knie hatten während der Reise über
den Asphalt offenbar ins Freie gefunden
und kleine Steinchen waren daran haften
geblieben – so dachte ich jedenfalls.
Später fand ich heraus, dass meine
Kniescheiben selber über den Boden
gerutscht waren, die darüber liegende
Haut dürfte nach dem ersten Bodenkontakt
sofort abgetragen worden sein. Mein
rechter Arm lag bewegungsunfähig unter
meinem Körper und meine Schulter fühlte
sich brennend heiß an. Aber
seltsamerweise sandte mein linker
kleiner Finger in diesen Momenten den
pochendsten, stechendsten Schmerz durch
meinen Körper. Ich konnte sehen, wie er
genau vor meinem Gesicht üppig blutete.
Ich roch mein Blut, als es sich in einer
Pfütze unter meinem Körper zu sammeln
begann.
Als endlich
der Rettungswagen eintraf und mich die
Sanitäter auf den Rücken rollten und mir
meinen Helm abnahmen, hatte ich das
Gefühl, ich wäre bereits seit Stunden
auf dem heißen Asphalt gelegen und wäre
gekocht worden. Jede Faser meines
Körpers brannte wie Feuer, stechend,
sengend und brennend. Das Schlimmste
war, dass ich mich nicht bewegen konnte.
Ich wollte so gerne meinen Arm unter
meinem Körper befreien, wollte so gerne
von der heißen Strasse runter. Wollte,
dass die Sonne mir nicht weiter auf
meinen nackten Rücken brennt. Ich
wollte, dass alles einfach aufhört,
jetzt, sofort. Aber es hörte nicht auf.
Die Leute, die damals mit mir auf dem
heißen Asphalt auf das Eintreffen des
Helikopters gewartet hatten, haben mir
das Leben gerettet. Ich wollte sterben,
aber sie ließen mich nicht einfach meine
Augen schließen und einschlafen.
Der
Helikopterflug war eine rasante
Angelegenheit. Das Morphium begann zu
wirken, als wir im Krankenhaus gelandet
waren, denn an alles weitere erinnere
ich mich nur mehr verschwommen und
bruchstückhaft. Ich erinnere mich, dass
ein Arzt sagte, ich hätte meine
komplette linke Brust verloren. Ich
erinnere mich weiters, dass mich jemand
gefragt hat, ob meine Familie schon
verständigt worden wäre. Ein anderer
Arzt fragte mich, ob er meine Wunden für
die Krankenakte fotografieren dürfe. Als
der Zeitpunkt gekommen war, meine Wunden
zu reinigen, stellten die Ärzte fest,
dass eine großflächige chirurgische
Abtragung des toten Gewebes nötig sei,
insbesondere an meiner kompletten linken
Seite von der Hüfte bis zur Achsel. Bei
dieser Gelegenheit sollte auch mein
kleiner Finger und meine rechte große
Zehe grob zusammengeflickt werden. Der
Rest ist Dunkelheit – und eine
sechsstündige Notoperation.
DAS
KRANKENHAUS
Als ich
erwachte, war ich in Verbände eingepackt
wie eine Mumie. Ich lag am Rücken in
einem Luftbett, in einem Raum, den ich
nie zuvor gesehen hatte. Hatte ich
geträumt, dass Shaun hier gewesen war
und meine Hand gehalten hätte? Waren
meine Eltern hier gewesen? Ich war
verwirrt, wusste nicht, was echt gewesen
war und so versuchte ich, mich
aufzusetzen, um mir einen Überblick zu
verschaffen. In diesem Moment traf mich
der Schmerz wie ein Peitschenhieb und
ich wusste mit einem Mal wieder ganz
genau, wo ich war und warum ich hierhin
gekommen war. Mein Rücken, meine
Schienbeine, meine Schenkel, meine
Hüfte, meine Unterarme, meine
Handgelenke, meine Schulter, meine
Fingerspitzen, mein Brustkorb, mein
Bauch – der brennende Schmerz aus allen
Körperteilen zugleich war überwältigend.
Dieser Zustand dauerte die folgenden
drei Wochen an – ich erwachte vollkommen
verwirrt, der Schmerz fuhr mir wie ein
Bohrer ins Gehirn und ich war sofort
wieder daran erinnert, was geschehen
war. Mein Zustand schien sich nicht zu
bessern, egal wie oft ich versuchte, im
Schlaf Erleichterung zu finden. Das
Schlimmste daran war, dass der Schmerz
nie ganz verschwand, außer wenn ich
schlief – und dann hatte ich stets
Alpträume vom Unfall. An den seltenen
Tagen, an denen es mir etwas besser
ging, kämmte mein Vater mir stundenlang
die Haare. Das waren die einzigen
Augenblicke, in denen ich kurzfristig
vergessen konnte, welche Qualen ich
gerade durchmachen musste.
Meine
Schürfwunden waren derart schlimm, dass
meine Haut nicht von selbst nachwachsen
wollte. Ich hatte zuviel Haut eingebüßt,
als dass mich die Ärzte einfach
zusammenflicken und heimschicken
konnten. Nachdem mein enormer
Blutverlust nun ausgeglichen und unter
Kontrolle war, musste der Verlust der
Haut behandelt werden. Ich hatte also
einige Hauttransplantationen vor mir. Es
gab aber nur zwei Stellen an meinem
Körper, an denen die Ärzte gesunde Haut
abtragen konnten – nur an meinen
Oberschenkeln gab es genügend große
unverletzte Stellen. Damit meine
riesigen Wunden heilen konnten, mussten
die Ärzte nun dicke Lagen von
unverletzter Haut von meinen
Oberschenkeln abtragen und auf meine
Verletzungen aufsetzen. Dort wurde die
frische Haut chirurgisch festgeklammert.
Allerdings war nicht genügend
unverletzte Haut vorhanden, um alle
Wunden auf einmal abzudecken. Die Ärzte
mussten auch noch entscheiden, welche
Bereiche zuerst behandelt würden und
welche warten müssten.
VAC-Therapie:
ein medizinischer Fachausdruck, der mir
heute noch Gänsehaut beschert. Wenn ein
Patient eine Hauttransplantation hinter
sich hat, wird ein Spezialverband
flächig auf dem Operationsgebiet
angesetzt, unter dem mit einer Pumpe ein
Unterdruck erzeugt wird. Das soll die
Durchblutung der betroffenen Fläche
erhöhen und die Wundheilung
beschleunigen. Das nennt sich
VAC-Therapie und stellt sicher, dass das
verbrannte Gewebe nicht abstirbt,
sondern mit der aufgesetzten frischen
Haut zusammenwächst und so die Wunde vom
Körper mit neuem Gewebe geschlossen
werden kann. Es fühlt sich an, als hätte
jemand einen riesigen Blutegel auf die
schmerzhafteste Schürfwunde gelegt, die
man sich vorstellen kann. Wenn man ein
richtig schlimm aufgeschürftes Knie aus
der Kindheit mit 50 multipliziert und
auf 55 Prozent der Körperoberfläche
verteilt, dann kann man sich die
Schmerzen vorstellen. Und nun stelle man
sich noch vor, es kommt jemand und saugt
24 Stunden am Tag mit einem kräftigen
Staubsauger drauf herum. Das Gefühl
einer VAC-Pumpe auf einer frischen
Operationswunde ist kaum vorstellbar
schaurig schmerzhaft. Jede meiner
Transplantationen bekam eine Dosis
Vakuum ab – nach schmerzhaften drei
Wochen war ich endlich von den nervig
lauten Maschinen befreit.
Was
allerdings noch schlimmer als die
VAC-Pumpe war: die täglichen
Verbandwechsel. Wenn ich nur dran denke,
dreht es mir heute noch den Magen um. An
den Stellen, die von den Ärzten nicht
innerhalb der ersten drei Wochen mit
frischem Gewebe bedeckt werden konnten,
also auf Rücken, Brustkorb, Flanke und
Oberbauch mussten täglich die Verbände
gewechselt werden, um die Wunden sauber
zu halten. Die Verbände ersetzten mir
bis zur Operation der betreffenden
Stelle meine Haut. Und so fühlte es sich
auch an – jeder Verbandwechsel war, als
ob man die Haut abgezogen bekäme. Kalte
Umgebungsluft auf die offenen Wunden –
und man schreit vor Schmerzen auf. Beim
Reinigen der Wunden mit Wasser stirbt
man fast vor Schmerzen. In diesen
Momenten würde man lieber wieder frisch
verletzt auf der Strasse liegen als den
täglichen Verbandwechsel zu überstehen.
Diese Prozedur musste ich die ganzen
zwei Monate im Krankenhaus hindurch
täglich über mich ergehen lassen.
So
motivierend die Physiotherapie war, so
schmerzhaft war sie auch. Sich ohne
Hilfe im Bett aufzusetzen, ohne Hilfe
sitzen zu bleiben und sich danach wieder
hinzulegen, ohne die offenen Wunden auf
meinem Rücken allzu sehr zu beleidigen
stellte sich anfangs als eine nahezu
unlösbare Aufgabe heraus. Wo die Narben
der Transplantationen schon leicht
verheilt waren, versuchte ich, meine
Haut leicht zu dehnen, denn das
Narbengewebe war dick und hart wie
Leder. Ich befürchtete schon, ich würde
deshalb meine Hüften später kaum noch
bewegen können. Ich erinnere mich, dass
ich anfangs nur vom Aufstehen
schwindelig wurde, dass ich nach einer
Fahrt im Rollstuhl über den Flur einfach
zusammenbrach und mir die Seele aus dem
Leib kotzte. Dass ich nachts weinend
wach lag, weil ich es nicht schaffte,
alleine zur Toilette zu kommen.
Alltägliche Verrichtungen, die man als
selbstverständlich erachtet – alles
nicht möglich, alles neu zu erlernen.
Mit jedem Versuch die Erinnerung daran,
dass ich dankbar und demütig sein
sollte, überhaupt noch am Leben zu sein.
Ich fürchtete
mich täglich vor dem Moment, wenn meine
Ärzte das Zimmer betraten. Es war nie
angenehm – ob sie mir nun eine leichte
Narkose für den Verbandwechsel
verabreichten, mich für eine weitere
Operation vorbereiteten oder die
Physiotherapie anstand. Obwohl diese
Leute ja „nur“ versuchten, meine Haut zu
retten und mir zu helfen, konnte ich die
ganze Bande bald nicht mehr ertragen.
Ich begann, meine Mitmenschen recht herb
zu behandeln; meine Eltern kamen täglich
zu Besuch und diese Zeit muß sehr
schwierig für sie gewesen sein, weil sie
meine Launen ertragen mussten. Durch die
ständigen Schmerzen wurde ich
richtiggehend depressiv, aber ich lehnte
es ab, dagegen irgendwelche Pillen zu
nehmen. Hauptsächlich deshalb, weil ich
sowieso bereits 20 Tabletten zum
Frühstück und 20 zum Abendessen
einnehmen musste – ich wollte schlicht
keine einzige noch dazu haben. Ich wurde
auch mehrfach gefragt, ob ich mit einem
Psychologen über den Unfall sprechen
wollte, über die Alpträume, die mich
jede Nacht quälten, aber ich lehnte auch
das ab. Kurz zusammengefasst sorgte ich
offenbar dafür, dass ich für meinen
Fehler die volle Zeche zahlte, sowohl
körperlich als auch mental. Die alte
Brittany existierte nicht mehr.
Als ich nach
meiner letzten Hauttransplantation am
16. November erwachte, hatte ich das
Gefühl, als ware mein kompletter Rücken
ausgetauscht worden. Der unfassbare
Unterschied zwischen der riesigen
offenen Wunde und frischer, neuer Haut
war so herrlich, daß ich langsam wieder
Mut zu fassen begann. Ich konnte
erstmals seit mehr als zwei Monaten
wieder bequem liegen! Die Zeit war nun
reif, aus dem Krankenhaus nach Hause zu
gehen und den letzten, großen Schritt
der Heilung zu wagen: die Rückkehr in
ein normales Leben. Ich musste meine
Ärzte anbetteln, nach Hause zu dürfen,
aber der Gedanke, weitere endlose Wochen
in einem Rehabilitationszentrum zu
verbringen, war mir unerträglich. Ich
wollte nur raus hier. Drei Tage nach der
letzten OP, mit frisch transplantierter
Haut auf den Schenkeln und pochenden
Schmerzen marschierte ich tapfer im
Spital den Flur entlang, also entließen
sie mich nach Hause. Als meine
Entlassung unterschrieben wurde, hätte
ich am liebsten vor Freude laut
aufgeschrieen.
DIE
HEIMKEHR
Ich betrat
unser Haus das erste Mal seit mehr als
zwei Monaten. Der Geruch alleine
zauberte bereits ein Lächeln auf mein
Gesicht: das Thanksgiving-Dinner für den
nächsten Tag wurde gerade vorbereitet.
Mein eigenes weiches Bett, Sonnenlicht
durchs Fenster, mein Hund, der voller
Freude um mich herumsprang - ich genoss
jeden einzelnen Moment. Verglichen mit
dem Krankenhaus erschien es mir wie der
Himmel selber. Ich war aber noch lange
nicht alleine in der Lage, mein Leben zu
meistern: meine Mutter musste mir beim
Duschen helfen und mir zweimal täglich
meine blutverdünnenden Medikamente
spritzen. Am Weg von meinem Zimmer in
die Küche musste ich regelmäßig
schweißgebadet pausieren, weil meine
Muskeln ja zwei Monate nicht verwendet
worden waren. Ich hatte nach wie vor
offene Wunden, musste eine Gehhilfe
benutzen und konnte mich nicht einmal
selbst anziehen, aber ich war glücklich
wie noch nie zuvor, daheim sein zu
dürfen.
Heimzukommen
war sicherlich die beste Therapie, die
man sich vorstellen kann. Die Ärzte
hatten geschätzt, dass ich meine
Gehhilfe etwa einen Monat lang brauchen
würde, aber schon nach drei Tagen stand
das Ding unbenutzt in einer Ecke meines
Zimmers. Ich entfernte meine Verbände
nach etwa einer Woche und begann zehn
Tage danach, wieder Jeans zu tragen. Es
war soweit, dass ich einem Unwissenden
bereits wieder völlig normal erschienen
wäre. Nur zwei Wochen nach meiner
Entlassung aus dem Krankenhaus fuhr ich
wieder mit dem Auto und begann mein
Leben wieder so zu leben, als wäre ich
nie vom Bike gefallen. Meine Freunde und
meine Familie waren mir eine große Hilfe
und es ist ihrer Unterstützung zu
verdanken, dass ich so schnell wieder in
mein normales Leben zurückgefunden habe.
Ich ging nach
wie vor zur Physiotherapie, aber ich
legte dort ein Tempo vor, das selbst
meine Ärzte erstaunte. Ich konnte wieder
Stiegen steigen und auch die Einheiten
am Hometrainer waren kein Problem mehr.
Ich hatte zwar noch immer Schmerzen,
selbst alltägliche Bewegungen wie das
Abwinkeln meiner Knie beim Hinsetzen
schickten Wellen des Schmerzes durch
meinen Körper, aber ich lernte recht
bald, das schlicht zu ignorieren. Ich
war so gewöhnt, dass meine neue Haut
schmerzte und zog, dass ich schon bald
das Gefühl hatte, es wäre nie anders
gewesen. Man gewöhnt sich offenbar an
alles. Mein Gehirn schaffte es
tatsächlich, die steten Schmerzreize der
transplantierten Haut einfach
auszublenden.
Als eines
Morgens mein Haar auszufallen begann,
merkte ich, dass irgendwas trotzdem
nicht stimmen konnte. Ich war zwar schon
einen Monat aus dem Krankenhaus
entlassen, aber die starken Medikamente
hatten offenbar Nebenwirkungen. Derselbe
Chemiecocktail, der mich im Spital am
Leben und bei Laune gehalten hatte,
bewirkte nun, dass meine Haare
büschelweise ausfielen. Nach einer Woche
des Haarausfalls (inklusive meiner
Wimpern und meiner Augenbrauen)
beschloss ich zu retten, was zu retten
war und schnitt mir die Haare ganz kurz.
Aber es war zu spät, denn zwischen den
paar Strähnen, die mir noch geblieben
waren, schimmerte meine blanke Kopfhaut
durch. Ich entschloss mich zur
Totalrasur und weinte bitterlich, als
meine letzten blonden Haare am
Badezimmerboden landeten.
Alles
zusammen ergibt sich für meinen Sturz
folgende Bilanz: 55 Prozent meiner
Körperoberfläche war mit Verbrennungen
dritten Grades überzogen. Schwere
Sehnenverletzungen im linken kleinen
Finger. Eine deformierte rechte große
Zehe. Massiver Blutverlust, der
hauptsächlich dafür verantwortlich war,
dass im Spital meine Wunden ewig nicht
heilen wollten. Indirekte Folgen meines
Unfalls aufgrund des langen Aufenthalts
im Krankenhaus: Lungenentzündung,
Infektion des Urinaltraktes,
Pseudomonaden, ein Blutgerinnsel in
meinem linken Bein, Pilzinfektionen,
Blutarmut (Anämie), 3 Bluttransfusionen
mit einer Abwehrreaktion, 8 plastische
Operationen, 31 Vollnarkosen, zahllose
Hautablösungen, eine unbehandelte PTBS
und Depressionen. Nach all diesen Dingen
erscheint der Haarausfall eigentlich
nicht erwähnenswert – meine Haare werden
nachwachsen. Hauptsache, ich bin am
Leben. Nach allem, was ich durchgemacht
habe, werde ich nie wieder in meinem
Leben etwas als selbstverständlich
annehmen. So lange ich gehen, atmen und
sprechen kann, werde ich froh über alles
sein, was Gott in Zukunft noch für mich
geplant hat.
DIE
RÜCKKEHR AUFS MOTORRAD
Wenn man
etwas so liebt, wie ich das
Motorradfahren, ist es schwer, davon zu
lassen. Selbst wenn man weiß, dass es
einem beinahe das Leben gekostet hätte.
Aber ich habe meine Lektion gelernt: ich
weiß, dass ich einen Fehler gemacht
habe, dessen Folgen mich mein Leben lang
begleiten werden. Deshalb werde ich
sicher mein Leben lang nie wieder ohne
meine Schutzkleidung auf ein Motorrad
steigen, selbst an knallheissen Tagen
und auf kurzen Strecken. Meinen Helm
werde ich erneuern, sobald er nicht mehr
optimal passt oder nicht mehr vernünftig
schließt. Anfangs hatte ich fürchterlich
Schiss, selbst wenn ich nur bei
gemütlichem Tempo als Sozia mitfuhr. Als
ich nach einiger Zeit mich wieder an
Geschwindigkeiten jenseits des
Ortgebietes gewöhnt hatte, wusste ich,
dass ich wieder Motorradfahren würde.
Ich wollte wieder die Freiheit spüren,
alleine auf einem Motorrad unterwegs zu
sein und den Rest der Welt mit einem
kurzen Dreh am Gasgriff im Rückspiegel
verschwinden zu lassen.
Ich kaufte
mir bei einem Händler in der Nähe eine
Yamaha R6, Baujahr 2006. Einige Wochen
lang gab mir ein guter Freund jeden
Morgen Privatstunden, um mich wieder
ganz sachte ans Motorradfahren zu
gewöhnen. Auf einem Motorrad kann
jederzeit fast alles passieren. Ich
weiß, dass ich nie wieder erleben will,
was ich hinter mir habe – und ich denke
daran und handle danach, jedes Mal bevor
ich auf ein Motorrad steige. Ich habe in
den ersten Wochen am Motorrad viele neue
Sachen gelernt und meine Fähigkeiten und
Sinne verfeinert. Aber ich habe auch
viel über mich selbst erfahren: wie
stark ich wirklich sein kann. Ich kehrte
zu einem Sport zurück, der mein Leben
verändert hat, nachdem er es beinahe
gekostet hätte.
DIE
MORAL VON DER GESCHICHTE
Mein
Asphaltausschlag wird mehrere Jahre
brauchen, um einigermaßen gut verheilt
zu sein und selbst dann wird sich meine
Haut nie wieder normal anfühlen oder
normal aussehen. Ich habe meine Angst
vor dem Motorradfahren besiegt, aber ich
werde mich nie wieder so blöde fast
nackt auf ein Bike setzen, um mir wieder
solch grausame Verletzungen einzufangen.
Ich bin zum Prediger für gute
Schutzkleidung beim Motorradfahren
geworden, sei es bei Leuten, mit denen
ich Motorradfahren gehe, sei es bei
Leuten mit denen ich plaudere oder auch
durch diese meine Geschichte. Sie soll
eine Warnung für jeden Motorradfahrer,
jeden Beifahrer sein. Ich möchte diese
Schmerzen, die teilweise bis heute
andauern, nicht einmal meinem ärgsten
Feind wünschen – vor allem, weil es mit
ein paar Extraschichten Bekleidung gar
nicht dazu kommen hätte müssen. Aber
alles, was ich durchgemacht habe, war
nicht umsonst, wenn mein
Tatsachenbericht auch nur einem einzigen
Biker die Haut retten kann






